Gaumenreise in Bangkok

Bangkok / Thailand thailand
204. Reisetag
5.940 km, 43.160 hm
(Bericht vom 21.10.2013)

Erster Blick in die Straßenschluchten Was für ein Kontrast! Von den trockenen Hoch- ebenen Zentralasiens in die fruchtbare Flussebene Zentralthailands, vom überschaubaren Bishkek (870.000 Einwohner) in die Megacity Bangkok (8.200.000 Einwohner). Nur 7 Flugstunden sind die beiden Hauptstädte auseinander und doch liegen Welten dazwischen…

Kurz vor der Landung durchbrechen wir die geschlossene Wolkendecke. Aus der Vogelperspektive können wir einen ersten Blick auf das Häusermeer werfen. Die Metropole scheint sich ins Unendliche zu erstrecken … sanft setzt der Airbus auf. Sawadee in Thailand!

Die Millionen-Metropole empfängt uns mit feuchter Hitze, Chaos und … lächelnden, hilfsbereiten Menschen. Im gigantischen Flughafen Suvarnabhumi (51 Gates) „wandeln“ wir durch riesige Hallenkomplexe. Mit unseren ausgefüllten Embarkation Cards und Reisepässen geht es schließlich zum Immigrationschalter. Kurz darauf haben wir ein kostenloses 30-Tage-Visum für Thailand! Wie einfach doch Bürokratie auch sein kann…

Um in die Stadt zu gelangen nutzen wir die hochmoderne, vollklimatisierte Expressline der Airport Rail Line. Auf der 15-minütigen Fahrt rasen wir an Glaspalästen, Slums, goldenen Tempeln, Wolkenkratzern und überdimensionalen Bildern des hochverehrten und hochbetagten Königs Bhumibol vorbei. Dazwischen riesige 4-, 5-, 6-spurige Straßen (in eine Fahrtrichtung!!) voller bunter Fahrzeugschlangen. In der dunstigen Ferne verliert sich der Beton-Dschungel im Ungefähren.

An der Station „Phaya Tai“ steigen wir aus dem Zug. In der drückenden schwül-warmen Nachmittagsluft packen wir unsere unversehrten Räder aus den Kartons, machen sie wieder fahrtauglich und stürzen uns in das abgasgeschwängerte Verkehrschaos Bangkoks. Auf dem Weg zum Hotel sehen wir erst mal nicht viel von der Stadt. Das Straßenwirrwar und der ungewohnte Linksverkehr kosten unsere volle Konzentration. Nach 6 langen Kilometern erreichen wir unsere Unterkunft (Sam Sen Sam Place, http://www.samsensamplace.com/) in der Samsen Road, Soi 3. Ein echtes Kleinod 100 m abseits der lärmenden Hauptstraße, das wir gerne weiterempfehlen.

Die ersten Tage taumeln wir wie staunende Kleinkinder durch die Stadt. In den Straßen und Gassen Alt-Bangkoks (Rattankosin Islands) pulsiert das Leben.

Unsere Augen, Ohren und vor allem Nasen werden mit allen möglichen Sinneseindrücken „bombardiert“. Von unzähligen Handkarren und Eckständen herunter, aus Garküchen und Straßenlokalen heraus wird alles mögliche Essbare verkauft. Kaltes, Heißes, Süßes, Saures, Salziges, Würziges und natürlich: Scharfes! Überall brutzelt, gart, kocht, grillt und dämpft es vor sich hin. Wir betreten ein völlig neues Universum. An jeder Ecke in jeder Straße duftet es anders. Aufgeregt tauchen wir unsere Ess-Stäbchen in Schüsseln köstlich duftender Nudeln, löffeln leckere scharf-saure Suppen (Dom Yam) und kosten an Ständen berühmter Straßenhändler Reis & Curry, Kurzgebratenes, Frühlingsrollen (Po Pee A), würzige Salate und allerlei andere Leckereien. Oft kosten die Gerichte nicht mehr als 1 – 2 €, also 40 – 80 Baht.

Unseren Vitaminhaushalt füllen wir auf den bunten Märkten der Stadt auf. Für wenig Geld lassen wir uns frische Mangos, Durian, Papayas, Jackfruit, Ananas, Longkong, Ur-Guave und Bananen, Drachenfrucht und Tamarinde schmecken.

Und im hektischen Chinatown verirren wir uns in einem Netz aus winzigen Gassen und überfüllten Märkten und bestaunen die Fülle faszinierender Zutaten.

Die Streifzüge durch die Stadt sind dabei alles zugleich: fesselnd und faszinierend, aber auch stressig und ermüdend. An die schwüle Hitze (Bangkok ist eine der heißesten Städte der Welt), den ohrenbetäubenden Lärm und die schlechte Luft in den chronisch verstopften Hauptstraßen können wir uns nur schwer gewöhnen. Lediglich die schweren Gewitter und sintflutartigen Regengüsse sorgen an 2 Tagen für etwas kühlere und frischere Luft in den Morgenstunden.

Auf einer kleinen Tempel-Tour schauen wir uns 3 der schönsten und bedeutendsten Bangkoks an (es gibt über 400 in der Stadt).

Der Wat Phra Kaew ist eine märchenhafte Anlage aber leider auch die Touri-Attraktion. Im Gewühl lautstark, drängelnder Reisegruppen und fotogeiler Schnappschuss-Paparrazis mag nicht so rechte „Tempel-Atmosphäre“ aufkommen. Dennoch beeindrucken uns die bunten Fliesenmosaike, vergoldeten Türme, Fabelwesen und dämonisch aussehenden Tempelwächter. Zwischen den Touristenströmen zollen Bangkoker dem hochverehrten Smaragd-Buddha mit Lotusblüten, Räucherstäbchen und Blattgoldplättchen ihren Respekt. Religiösität und Glücksrituale gehen dabei fließend ineinander über. Ob Geldsorgen oder Kinderwunsch – erste Anlaufstelle bei Wünschen und Bedürfnissen sind die Tempel. Und für das persönliche Glück lässt man schon einige Baht springen. Uns befremdet diese Art des „Ablasshandels“ erst mal. Aber vielleicht dringen wir im Laufe unserer Reise durch Thailand noch etwas tiefer in die Religion ein, die im Land alles durchdringt …

Im Tempelbezirk des Wat Saket ist es da schon deutlich ruhiger. Im Zentrum liegt der „Goldene Berg“ (79 m). 318 Stufen schlängeln sich serpentinenartig zum Goldenen Chedi hinauf (Denkmal in Form einer Bergspitze, die der dauerhaften Stabilität des Buddhismus gewidmet ist). Dichtes Blattwerk knorriger Bäume bietet beim Anstieg angenehmen Schatten. Oben angekommen haben wir ein fantastisches 360-Grad-Panorama. Von hier oben wirkt die lärmende Stadt fast friedlich.

Der „Liegende Buddha“ im Wat Po beeindruckt uns mit seiner schieren Größe. 45 m lang und 16 m hoch ist die Figur, die Buddha in dem Moment zeigt, in dem er ins Nirvana übergeht (Nirvana ist das große Ziel im Theravada-Buddhismus, denn es bedeutet das „Auslöschen“ aller Begierden und damit auch allen Leidens. Wer mehr dazu erfahren möchte: http://de.wikipedia.org/wiki/Nibbana).

Im MBK, einem der vielen gigantischen, vollklimatisierten Konsumtempeln Bangkoks versorgen wir uns mit Sonnencreme und auf dem Wochenendmarkt am Chatuchak Park mit Souvenirs.

Da die Sehenswürdigkeiten oft weit auseinander liegen, die Straßen chronisch verstopft sind und wir die günstigen Busse nutzen (7 – 20 Baht pro Fahrt. Es gibt über 500 Linien aber keinen Fahrplan. Und wenn’s ihn gäbe wäre er ohnehin nicht einzuhalten), endet so mancher Kurztrip fast als Tagesausflug. Wie die Bangkoker diesem Verkehrschaos tagtäglich mit äußerlicher Gelassenheit begegnen, erstaunt uns immer wieder. Wir sind nach 7 Tagen bereits ziemlich erschöpft und stadtmüde. Da kommt das heißersehnte Paket von meinen Eltern aus Deutschland mit Karten und Ersatzteilen gerade recht. Nachdem alles um- und verpackt und die Wintersachen im Hotel eingelagert sind, verlassen wir Bangkok am 21. Oktober mit dem Nachtzug nach Norden, Ziel Uttaradit. Ab jetzt wird wieder in die Pedale getreten …

Endspurt in Kirgistan

Bishkek / Kirgisistan kyrgyzstan
193. Reisetag
5.929 km, 43.160 hm
(Bericht vom 09.10.2013)

kirgisische Schulmädchen Die Einreise nach Kirgisistan verläuft problemlos. Die Grenzer sind mehr mit Backgammon als mit uns beschäftigt. Nach nicht einmal 20 Minuten haben wir die Stempel in unseren Pässen und nehmen das letzte Drittel des offiziellen Pamir-Highways unter die Reifen.

Die Abfahrt nach Sary-Tash, dem ersten Bergdorf auf kirgisischer Seite, ist ein echter Genuss. Locker tretend rollen wir ins Tal, genießen noch einmal die eindrucksvolle Bergkulisse und die Abendsonne. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit erreichen wir Sary-Tash. Der Ort selber ist leider noch genauso trostlos wie die letzten Ortschaften in Tadschikistan. Abseits der Hauptstraße finden wir ein Guesthouse. Das Werbeschild verspricht viel: moderne Dusche und Toilette, Essen satt und tolle Betten! Leider stimmt davon nichts. Dusche Fehlanzeige, Wasser ebenso… Das Essen macht nicht satt, die Betten sind dünne Matratzen, das Zimmer ist kalt und die Toilette ein Plumpsklo hinter’m Heuhaufen. Für den „Komfort“ möchte die missmutige Hausherrin schlappe 13 $/p.P. Nach einigem Hin und Her gibt sie uns das Zimmer für 10 $/p.P. Das Wasser müssen Christian und ich in der Dunkelheit vom 2 km entfernten Fluss holen. Als wir uns dann etwas erfrischt und ziemlich erschöpft zur Ruhe legen wollen, entdecken wir jede Menge Wanzen im Zimmer. In einem Glas sichern wir 20 Stück als „Corpus Delicti“ und bezahlen am nächsten Morgen noch 7 $ pro Person. Immer noch genug für das Gebotene.

Gleich hinter Sary-Tash geht es wieder in einen langen Anstieg. Wie auch Tadschikistan ist das Land von Bergen dominiert. Über den Pass „40 Jahre Kirgisistan“ (3.550 m) [die 40 Jahre sind uns schleierhaft. Am 31.08. feierte das Land 22 Jahre Unabhängigkeit], den Taldyk-Pass (3.615 m) und den Chrychryk-Pass (2.389 m) radeln wir 200 km auf gutem, chinesischem Asphalt. Die abwechslungsreiche Landschaft mit Hochgebirgen, Seen und weiten Bergwiesen mit frei herumlaufenden Pferden lässt keine Langeweile aufkommen. Unzählige Male passieren wir Schaf- und Kuhherden, die von den Hochweiden auf der Hauptverkehrsachse in die Täler getrieben werden. In den Abfahrten erreichen wir „60 Sachen“ und mehr und können mal wieder richtig „Tempo machen“. Sobald uns Kinder sehen, rennen sie „Hello, hello!“ rufend an den Straßenrand und wollen unsere Hände abklatschen. Nicht immer können wir einschlagen, da der Individualverkehr deutlich stärker ist als noch in Tadschikistan. Vor allem unzählige, völlig überladene Pritschenwagen mit Kohle für den Winter sind unsere ständigen Begleiter. Nicht wenige davon machen in den Steigungen schlapp. In den Minimärkten ist das Angebot noch immer dürftig. Nur die Ecke mit Alkoholika ist deutlich umfangreicher. An Abnehmern mangelt es nicht. Leider haben sich in Kirgistan die sowjetischen Trinkgewohnheiten stärker gehalten, als in seinen Nachbarländern. Schon mittags torkelt so mancher Zeitgenosse mit einer übel riechenden Fahne an uns vorbei.

In Osch ist es dann aber soweit. Endlich gibt es wieder Essen satt und sogar einen türkischen Bäcker. Wir schlagen uns nach Lust und Laune die Mägen voll, verspeisen die besten Schaschlicks der bisherigen Reise und verbringen 2 Nächte im ordentlichen Hotel „De Luxe“. Für die Weiterfahrt nach Bishkek organisieren wir uns mit Hilfe zweier hilfsbereiter, deutsch sprechender, Studentinnen ein Sammeltaxi. Pünktlich um 7 Uhr steht der Kastenwagen am Hotel. Wir sichern Gepäck und Räder im Laderaum mit Riemen und dann geht es auch schon los. 11 Stunden lang kachelt unser Fahrer im Formel 1-Stil über die M41. Wann immer es geht oder auch nicht, wird überholt. Auf selbst eingebauten Sitzen und ohne Gurt läuft uns nicht nur von der Hitze der Schweiß… Beeindruckende Landschaften „fliegen“ an uns vorbei. Nach 670 km erreichen wir müde und erschöpft die Hauptstadt Kirgistans. Bei Gulnara und Talant kommen wir für 10 Tage unter. Jeden Morgen gibt es leckere, selbstgemachte Marmelade mit Omelette und auch nach dem Abendbrot gehen wir nie hungrig ins Bett. Die Völlerei bleibt nicht ohne Folgen. Wir erreichen unser altes Kampfgewicht wieder :-)

Mit der Marschrutka, Bishkeks Minibussen, die man einfach per Handzeichen anhalten kann, fahren wir für 10 Somoni (ca. 23 Cent) ins Zentrum. Die Hauptstraßen sind chronisch verstopft. Und wenn für dunkel getönte Luxuslimousinen hunderte Polizisten alles absperren, liegt der Verkehr minutenlang lahm… Jeden Tag sind die umliegenden Berge nur im Dunst zu sehen. Die Architektur der Innenstadt ist eindeutig sowjetisch und von Beton dominiert. Dennoch ist Bishkek im Gegensatz zu anderen Städten mit ähnlicher Vorgeschichte nicht gesichtslos und trist. Zahllose Alleen und Parks verleihen der Stadt ein grünes Gewandt und im Zentrum laden breite schattige Boulevards zum Flanieren ein. Wir genießen das entspannte Treiben in der Metropole und die hochsommerlichen Temperaturen von 30 °C. Bishkek wirkt auf uns jung und modern. Viele Studenten leben hier. Erstaunlich oft werden wir auf Deutsch angesprochen. Die meisten haben die Sprache in der Schule oder Uni gelernt und fast jeder möchte in Deutschland einmal arbeiten oder studieren.

Waren wir auf dem Pamir-Highway im wahrsten Sinne des Wortes nur einen „Steinwurf“ von China entfernt (manchmal kein 20 m) so bleibt uns unser nächstes geplantes Reiseland dennoch leider verschlossen. Das „Reich der Mitte“ vergibt seit 13. August in Zentralasien keine Visa an Individualreisende mehr.

Gezwungenermaßen verlassen wir am 09. Oktober mit dem Flieger Kirgistan. Einen Tag lang haben wir Verpackungsmaterial für unsere Räder gesucht, alles bestens verpackt und – um ja nicht in Zeitdruck zu geraten – sind wir bereits 4 Stunden vor dem Abflug am Airport. Allerdings haben wir nicht den „verschärften“ Sicherheitscheck in unsere Zeitkalkulation mit eingerechnet. Das Personal will die Räder nicht in den Kartons durch die Scanner schieben und besteht darauf, dass wir alles noch mal auspacken. Geschlagene 90 min. diskutieren wir. Ein Scanner scannt, ob mit oder ohne Karton! … Man versteht uns nicht oder will es nicht. Letztendlich rennt uns die Zeit davon. Wir geben nach. Unter den amüsierten Blicken des Personals packen wir alles wieder aus und ein. Zum Glück haben wir den Rest Folie und Klebeband noch mitgenommen, so dass wir unsere Drahtesel wieder halbwegs gut verpackt kriegen. 5 Minuten vor Ende des Check-Ins sind wir fertig – fix und fertig. Den Abschied aus Zentralasien hatten wir uns entspannter vorgestellt. Nach einem Zwischenstopp in Almaty hebt unser Flieger um 01:00 Uhr nachts Richtung Thailand ab. Prächtig Tempelbauten, lächelnde Menschen, gutes Essen und subtropische Temperaturen. Das sind die ersten Bilder und Vorstellungen, die wir von unserem 10. Reiseland haben. In nicht einmal 7 Stunden werden wir in Bangkok sein. Irgendwie irreal, nach 6 Monaten auf dem Rad gen Osten so beschleunigt zu werden.

 

Über das “Dach der Welt”

Pamir-Highway / Tadschikistan tajikistan
. 183. Reisetag
5929 km, 43.160 hm
(Bericht vom 29.09.2013)

P1120240 (Mittel) Auf über dreieinhalbtausend Metern windet sich die Piste über das Hochplateau. Zur Linken und Rechten erheben sich gewaltige Gebirgsmassive. Berauschende Landschaften in einem prächtigen Farbenspiel ziehen an uns vorbei. Hier oben atmet alles Ewigkeit.

Wir sind am südlichsten Zipfel Tadschikistans angelangt, unterwegs auf dem legendären Pamir-Highway. Die zweithöchste Fernstraße der Welt, 1932 fertiggestellt, ist bis heute Lebensader der Region. Das Pamir-Gebirge, dass die Tadschiken “Bam-I-Danja”, das “Dach der Welt”, nennen, verbindet einige der größten Gebirgszüge Asiens: Karakorum (Süden), Tianshan (Norden), Kunlun Shan (Südosten) und Hindukusch (Südwesten). Im Osten des Pamir schließt das Hochland von Tibet an.

Von Chorug aus folgen wir dem Lauf des Gunt. Der Fluss und das enge Tal lassen nur wenig Platz zum Ackerbau. Hockend und in mühsamer Handarbeit bewirtschaften die Menschen auf schmalen Feldern den harten Boden. Das Blätterwerk der Bäume verfärbt sich langsam in herbstliche Farben. Zu Beginn passieren wir noch mehrere Dörfer. Es werden die letzten für längere Zeit sein. Auf den Hochplateaus des Pamir gibt es nur ganz wenige, weit entfernt liegende Orte, der Rest ist pure Einsamkeit. Die Strecke steigt von 2.000 m ü.d.M kontinuierlich an. Gut, um uns an die extreme Höhe zu gewöhnen.

Mit zunehmender Fahrtdauer werden die Berge schroffer und höher. Immer öfter sind die Bergkuppen mit Schnee bedeckt. An den Hängen entdecken wir Gletscher. Kurz vor dem ersten Pass zelten wir auf 3.850 m. Wir schlafen gut. Mit der Höhe haben wir nie ernsthafte Probleme.

Am nächsten Morgen ist es empfindlich kalt. Warm eingepackt steigen wir auf unsere Räder. Nach 5 km endet der Asphalt. Eine grobe Sand- und Schotterpiste führt uns auf den ersten 4.000er Pass. In steilen Spitzkehren geht’s mächtig zur Sache. Auf einigen Passagen müssen wir unsere Räder schieben, so steil ist die Piste in den Hang gebaut. Unser Atem geht schnell und kurz. Zum ersten Mal spüren wir den geringeren Sauerstoffgehalt. Zur dünnen Luft kommt noch der hohe Temperaturunterschied zwischen Sonne und Schatten. Sobald sich der Himmel bewölkt fällt das Thermometer um 10 °C. Quietschend und polternd hüllen uns die großen, chinesischen Sattelschlepper in dicke Staubwolken ein. Gegen 11 Uhr sind wir auf dem Koi Tezek Pass – 4.272 m Seehöhe. Die Vegetation hat deutlich abgenommen. Die Baumgrenze liegt hier bei 3.700 m. An die Stelle enger Schluchten treten weite Hochebenen. Steinadler und riesige Schneegeier kreisen am stahlblauen Himmel, elegant die Thermik nutzend. Scheue Murmeltiere nehmen pfeifend Reißaus vor uns. Gegen den schneidend kalten Wind und die stechende Sonne schützen wir uns mit Mütze und Buff. Gesicht, Hände und Lippen cremen wir mit starken Sonnenschutzmitteln ein. Nach einer ruppigen Abfahrt und etwas Asphalt geht es in den 2. Anstieg zum Tagarkak Pass (4.180 m). Erneut wird die Strecke sandig und schlecht. Die Steigungen sind jedoch moderater und besser zu fahren.

Ein paar Kilometer weiter taucht auf dem Hochplateau der Yashikul-See auf. Smaragdgrün erstreckt er sich in einer Senke, 3.700 m ü.d.M. Das Atmen fällt uns schwer, doch die majestätische Landschaft entschädigt für die Mühsal. Zum ersten Mal sehen wir die weißen Gipfel des Pamirs. Unweit des schön gelegenen Sees zelten wir in der kargen Hochgebirgswüste. Außer kleinem gelben Büschelgras wächst hier nicht viel. Wir genießen die letzten Sonnenstrahlen des Tages, die Einsamkeit und den Zauber der Berge. Gegen Abend peitschten Böen jede Menge Sand in unser Vorzelt. Die Nacht ist dann windstill und sternenklar.

In Alichur, einem kleinen Dorf aus Lehmhütten, versorgen wir uns mit Keksen, Wasser und Instantnudeln. Wie überall gibt es auch hier nur einfachste Läden. Nach dem Ort lässt uns kräftiger Rückenwind förmlich über die Hochebene fliegen.

Immer wieder bleiben wir stehen, um den Blick auf die teilweise vergletscherte Alichur-Kette (5.000 m) zu genießen. In der Ebene liegen weit verstreut Jurten der Pamiris. Yak- und riesige Schafherden ziehen entlang der Hänge und begrasen das karge Grün. Die Sedimentgesteine schimmern in allen möglichen Erdtönen – von Gelb über Ocker ins Braune. Leuchtendes Rot wechselt sich ab mit grauen, teilweise fast schwarzen Gesteinsschichten und steht in scharfem Kontrast zu den in schneeweiß endenden Berggipfeln. Dort, wo Wasser Leben spendet, mäandert ein grünes Band durch wüstenartiges Gelände . Wir nutzen die wenigen Wasserstellen, um unsere Flaschen aufzufüllen. Am Himmel vollziehen sich immer wieder Wetterwechsel von atemberaubender Geschwindigkeit. Sind wir eben noch in gleißendes Sonnenlicht getaucht, lassen kurz darauf drohende Gewitterwolken am Horizont Schlimmeres erwarten, um sich ebenso schnell im Nichts aufzulösen.

Vom Naizatash Pass (4.137 m) sausen wir in einer langen, kurvenreichen Abfahrt ins Tal des Murgab-Flusses. Direkt an der Straße finden wir eine halbwegs windgeschützte Stelle und stellen nach 103 Tageskilometern unser Zelt in einem ausgetrockneten Flußbett auf.

Kurz vor Murgab, dem wichtigsten Ort der Region, wird zum 2. Mal unser GBAO Permit geprüft. Ein sinnloses Stück “Papier”, das Präsident Rahmon ein paar zusätzliche Somoni in die Schatulle spült. Murgab selber strahlt eine eigentümliche Atmosphäre aus. Die geduckten, kleinen weißen Häuser wirken in der weiten Ebene wie ein Hafen ohne Meer. Doch das Panorama ist schön. Im Hintergrund erhebt sich auf chinesischer Seite der Mutztagata (7.509 m) – “Vater der Eisberge” und dritthöchster im Pamir-Gebirge.

Die Haut der Einwohner ist von der Höhensonne gegerbt und dunkel geworden. Kirgisen, die hier die Mehrzahl der 7.000 Einwohner bilden, laufen in ihren typischen Filzhüten durch die staubigen Gassen. Das Klima ist rau und die Stimmung triest. Immerhin gibt es einen kleinen Basar und damit etwas mehr Auswahl an Essbarem als die letzten Tage. In Frachtcontainern werden ein wenig Gemüse, viel Alkoholisches, Süßes und jede Menge Haushaltswaren “Made in China” verkauft. Die Cafés am Markt versprühen einen spröden Charme. Ein Blick in die Küchen lässt für unsere Mägen nichts Gutes erahnen. Doch wir sind zu hungrig, um “Vernunft” walten zu lassen. Mutig bestellen wir Kartoschka, Bortsch und Lagman. Und – oh Wunder – alles bleibt drin. Nur die Fettschwanzschaf-Suppe ist zu fettig und schafig und will nicht runter. Im Pamir-Hotel verbringen wir 2 Nächte und genießen warme Dusche und ordentliches Frühstück in kalten Räumen. Auch die örtlichen Militär- und Milizbonzen fühlen sich hier wohl und lassen sich abends vollaufen…

Der “freie Tag” geht fast vollständig für eine erneute Registrierung drauf. Ein Stück “Absurdistan” as it’s best. Obwohl wir ein 60-Tage Visum haben, müssen wir uns nach 30 Tagen erneut registrieren. Sicher wieder eine “großartige” Geschäftsidee von Mr. Rahmon. Das Ganze kostet 140 Somoni (ca. 24 €)/p.P. und erfolgt auf Formularen, die ausschließlich auf Tadschikisch sind… Nachdem wir diese Hürde nach 2 Std. mit Hilfe Einheimischer genommen haben. folgt der Besuch bei der Registrierungs”behörde”. Auch hier muss wieder jede Menge Papierkram ausgefüllt werden, dieses Mal von der Angestellten. Allerdings sind gerade die Bögen ausgegangen …. Also noch einmal am Nachmittag hin, viel Geduld mitbringen und auf Tiefenentspannung umschalten. Gegen 17 Uhr sind wir endlich – wo auch immer – registriert und halten erleichtert ein kleines Zettelchen in unseren Händen. Unsere Reise kann weitergehen.

Von Murghab fahren wir mit Danjela und Christian (Wien) weiter. Beide hatten wir schon in Dushanbe und Chorug getroffen. Gemeinsam beginnen wir den mühsamsten Anstieg der Hochgebirgsstraße. Es geht auf den Akbaital-Pass. Leider hat der Wind gedreht und bläst uns allen ordentlich ins Gesicht. Und es wird noch einmal kälter. Auch die Zeltplatzsuche wird nun schwieriger. Es gilt, einen halbwegs windgeschützten Platz zu finden. So schieben wir unsere Räder steinige Hänge hinab, um gute Plätze an Wasserläufen zu finden. Nachts sinken die Temperaturen über 4.000 m auf – 10°C. Im Zelt messe ich lauschige – 3°C… Am Morgen sind die Wasserflaschen komplett gefroren. Ausgerechnet in dieser Zeit delaminiert sich eine unserer Matten in der Mitte fast vollständig und bietet nur noch wenig Isolation gegen die Bodenkälte.

Der Akbaital Pass, höchster Punkt des Pamir-Highway, ist eine echte Herausforderung. Jeder Tritt scheint das dreifache an Kraft zu kosten. Alle 100 m müssen wir schwer atmend stehen bleiben, den Puls beruhigen. Reden tun wir kaum noch. Wir brauchen die gesamte Luft zum Gehen oder Pedalen. Gegen 14 Uhr haben wir den Pass endlich bezwungen und stehen auf 4.655 m. Nie waren wir den Sternen näher! Ewigkeit und blauer Himmel um uns herum. Das Gefühl – unbeschreiblich. Schnell machen wir ein Foto und wechseln die nassen Sachen. Ein Snickers und viel Wasser, dann müssen wir auch schon weiter. Im kalten Wind ist man trotz Sonnenschein nach wenigen Minuten ohne Bewegung durchgefroren.

Die anschließende Abfahrt (erst 25 km üble Wellblechpiste dann Asphalt) nach Karakul ist landschaftlich einmalig. Vor Jahrmillionen schuf hier ein Meteoriteneinschlag einen abflusslosen Endsee. Tiefblau schimmert der Karakul auf 4.000 m in der Sonne. In der Ferne glänzen die schneebedeckten Gipfel der Transalai-Kette. Ein gigantisches Panorama!

Der gleichnamige Ort wirkt fast schon surreal. Ein paar Flachbauten liegen verstreut auf einer vegetationsfreien Ebene. Neben einem kleinen Magazin gibt es hier sogenannte Homestays, einfachste Unterkünfte bei Gastfamilien. Wir verbringen 2 Nächte für 7 $ p.P. und Nacht, um uns von den Strapazen zu erholen. Im sogenannten “Simovka”, dem Winterzimmer, schlafen wir mit Matten der Gastgeber auf dem Boden. Das Zimmer ist mit einem kleinen Ofen ausgestattet. Allerdings gibt es nur wenig Heizmaterial. Nach 1 Stunde ist alles verbrannt, die wohlige Wärme verflogen und der Raum wieder 8°C kalt. Der Halbstrauch Teresken, der zum Heizen verwendet wird, ist in der Umgebung ausgerottet. Von weit her wird er aus den Bergen herangeschafft und ist entsprechend teuer. Wir fragen uns, womit die Menschen wohl in 10 Jahren gegen die -40°C im Winter anheizen werden…

Wasser holen sich die Einwohner mit Eiseneimern aus dem Dorfbrunnen. Elektrizität gibt es nicht. Wir haben am Abend immerhin 2 Stunden Licht dank eines Generators. Die Toilette, ein eingemauertes Plumpsklo mit “Himmelsdach”, ist 50 m vom Haus entfernt. Frühstück und Abendbrot nehmen wir im ungeheizten Vorraum ein. Im Schneidersitz hocken wir um eine erhöhte Tafel, löffeln dünne Suppe mit einer Kartoffel und träumen von heimischen Köstlichkeiten…

Gern hätten wir mehr über unsere Gastgeber, ihre Lebensumstände und Wünsche erfahren. Doch die Sprachbarriere lässt keine ausführlichere Kommunikation zu. Was wissen sie von der „Welt da draußen“, den „Segnungen“ unserer Zivilisation? Wie empfinden sie das Leben hier oben?

Auch der letzte Abschnitt zur tadschikisch-kirgischen Grenze hat es noch einmal in sich. Ein weiterer Pass bringt uns wieder auf 4.300 m. Staub wirbelt durch die Luft. Der Wind nimmt mitunter sturmartige Formen an und blässt uns eisig in die Gesichter. Selbst bergab müssen wir teilweise kräftig zutreten, um überhaupt vorwärts zu kommen. Konversation ist nur noch schreiend möglich. Die menschenleere Mondlandschaft wirkt im diffusen Tageslicht fast schon mystisch. Nach einem letzten heftigen Anstieg haben wir den tadschikischen Grenzposten erreicht. Der Empfang durch die Soldaten ist schroff und militärisch, die Verabschiedung dann fast schon herzlich. Mit Bitten und Betteln und viel Freundlichkeit haben wir es sogar noch fertig bekommen, unseren teuren Registrierungszettel als Souvenir zu behalten…

Das schönste “Souvenir” war aber die Fahrt über das “Dach der Welt”. Ein unvergessliches Abenteuer, dessen Bilder und Erlebnisse uns noch lange in Erinnerung bleiben werden.

Wer noch mehr über den Pamir und seine Bewohner erfahren will, sollte sich die nachfolgende Dokumentation ansehen, die Anfang des Jahres auf Phoenix ausgestrahlt wurde.

 

Feuertaufe am Panj und neues „Pass-Foto“

Khorog/ Tadjikistan tajikistan
165. Reisetag
5.142 km, 34.769 hm

IMGP9942 (Mittel) In scheinbar endlosen Windungen schlängelt sich die Piste an den Hängen der Hasr Etiši Bergkette entlang. Seitdem wir vor 3 Tagen den Fluss Obihingab verlassen haben, steigt die Piste kontinuierlich an. Immer wieder müssen wir auf der Scheitelstrecke kurze Pausen machen, um den Puls zu beruhigen. Die Luft hier oben ist schon spürbar dünner. Die Straße M 41, der wir bis kurz vor Bishkek in Kirgisistan folgen wollen, ist in einem unsagbar schlechtem Zustand. Asphalt gibt es keinen mehr, dafür jede Menge Schlaglöcher, dicke Gesteinsbrocken und Versandungen. Gelegentlich müssen wir unsere Räder durch ausgetrocknete Flussbetten schieben. Ein mühsames Unterfangen. Die marode Infrastruktur wird nur äußerst behelfsmäßig und oft mit unzulänglichen Mitteln gegen die rauen Naturgewalten der eindrucksvollen Gebirgswelt aufrecht erhalten. Allerdings ist die Verkehrserschließung Tadschikistans wegen seiner Oberflächengestalt auch sehr schwierig. 2/3 des Landes sind Hochgebirge.

12 km und 700 Höhenmeter nach unserem heutigen Start kommt die langersehnte Passhöhe in Sicht. Noch einmal kurbeln wir mit aller Kraft, das Ziel endlich vor Augen. Unser Atem geht schnell und schwer. Nach einer letzten Rechtskurve können wir endlich eine „Schutzhütte“ sehen. Auf einer der Seiten steht in großen, roten Lettern: 3.252,8 m. Wir sind auf dem Sagir-Dasht-Pass! Unserem ersten 3.000er. Ein emotionaler Höhepunkt! Erschöpft fallen wir uns in die Arme, schreien unsere Freude ins Tal. Es ist Punkt 12 Uhr.

Kaum angelangt blasen auch schon starke Windböen über die Passhöhe. Auf über 3.000 m sind es nur noch 15 °C. In aller Eile wechseln wir unsere durchgeschwitzten Klamotten und verlegen das Kochen in eine Nische der „Schutzhütte“. Während wir heiße Instantnudeln in der wärmenden Sonne genießen besuchen uns 3 Hirten, die mit ihrer Herde über die Berge nach Kulob ziehen. In den letzten Tagen sind uns immer wieder riesige Schaf- und Ziegenherden begegnet. Bis zu 5.000 Tiere auf einmal werden oft von nur einer Handvoll Männer die Straße hinunter getrieben. Schon aus der Ferne ein beeindruckendes Bild. Vorneweg laufen stets die Esel mit dem Hab und Gut der Männer. Unglaublich, was diese kleinen widerstandsfähigen Tiere alles auf ihren schmalen Rücken schleppen können. Die Begrüßungen der Hirten sind stets herzlich und respektvoll. Den wettergegerbten Gesichter sieht man an, dass ihr Leben entbehrungsreich und hart ist. Während uns ein wogendes Meer aus tierischen Körpern umschließt stehen wir minutenlang in einer riesigen Staubwolke. Die Autofahrer haben weniger Geduld. Unaufhörlich hupend drängeln sie sich durch die Herde.

Nach 1 ½ Stunden Pass-Pause ziehen wir wieder unsere Radkleidung an. Im Schritttempo geht es auf schlechter Piste hüpfend und rutschend 2.000 Höhenmeter hinunter in das Tal des Flusses Panj. Schon nach kurzer Zeit schmerzen die Hände vom vielen Bremsen. Die Felgen werden heiß und brauchen alle paar Kilometer eine Pause, um nicht zu überhitzen. Das Tal wird zunehmend enger. Immer weniger Lichtstrahlen finden den Weg hinein. Kurz vor Kalaikhum wartet noch einmal ein Hindernis auf uns. Vor 10 Tagen brach unter der Last eines Lkw’s eine Flussbrücke zusammen. Die Überreste der Stahlkonstruktion hängen noch in der Strömung. Ersatz gibt es noch nicht. Amur, ein Tadschike, bietet sofort seine Hilfe an und bringt uns samt Rädern und Equipment mit seinem russischen Jeep ans andere Ufer. Die kurze Fahrt ist eine mit Herzschlag. Bis zum Radkasten verschwindet der Jeep in den Fluten, ich stehe auf der Heckklappe und versuche die Räder vor dem Herunterfallen zu bewahren ohne selbst abgeworfen zu werden. Ria hält auf der Beifahrerseite mit aller Kraft an den Lenkern fest. Hüpfend und schnaubend bewegen wir uns durch das Flussbett. Der Motor jault mehrmals bedrohlich auf und versetzt der in die Jahre gekommen „Kiste“ einen heftigen Stoß. Doch alles geht gut und „trockenen Rades“ erreichen wir das andere Ufer. Geld für seine Hilfe möchte Amur keines annehmen. Aber die kasachischen Karamel-Bonbons schmecken ihm und seiner Familie.

In Kalaikhum, Grenzstadt zwischen Tadjikistan und Afghanistan, können wir unsere Vorräte ein wenig auffüllen und finden mit etwas Glück und Suche sogar Äpfel, Kartoffeln, Paprika, Gurke und Brot. Auf den folgenden 300 km hat kein Laden mehr eines der Dinge. Die Menschen versorgen sich weitgehend selbst. Und so ist das „Angebot“ in den Läden stets das Gleiche: Bonbons, verstaubte (offen liegende) Kekse, selbstverpackte Nudeln, Cola (nicht immer), Wasser (noch seltener), Zucker, Salz und Mehl in Säcken und ein paar Hygieneartikel. Ansonsten China-Plaste-Kram… aber der ist nicht essbar. So ist es immer eine Riesenfreude wenn uns Einheimische Äpfel, Tomaten und Gurken in die Taschen stopfen oder wir ein großes Fladenbrot geschenkt bekommen. Auch zum Tee werden wir täglich eingeladen. Nach erneuten gesundheitlichen Problemen in Dushanbe sind wir aber mehr als vorsichtig und lehnen jede Einladung dankend ab. Unsere Abfahrt aus der Hauptstadt hatte sich um einen Tag verschoben, da Ria Fieber und Durchfall bekam. Zum Glück waren wir privat bei Veronique aus Paris untergebracht. Hier konnten wir so lange bleiben wie wir wollen. Veronique arbeitet in Dushanbe für die EU.

Die internationalen (Hilfs-)Organisationen geben sich in der Hauptstadt Tadschikistans die Türklinke in die Hand. UN, UNDP, WFP, OECD, Welthungerhilfe, Internationales Rotes Kreuz u.v.m. sind hier vor Ort tätig. Die Präsens kommt nicht von ungefähr. Tadschikistan ist eines der ärmsten Länder Zentralasiens. Ein großer Teil der bereits in den 90er Jahren wenig entwickelten sozialen und wirtschaftlichen Infrastruktur wurde durch den Bürgerkrieg 1992 – 1997 zerstört. Rund 2/3 der Bevölkerung leben heute unterhalb der Armutsgrenze. Die Arbeitslosenquote liegt um die 40 % … Seit 1994 regiert Emonalii Rahmon das Land. Menschenrechte und Pressefreiheit werden immer wieder verletzt. Zuletzt ließ er sich 2006 wiederwählen. Gegen die Opposition geht Rahmon rigoros und mit harten Bandagen vor. Doch von den Plakaten lächelt der Präsident sanftmütig – wechselweise mal vor wogenden Korn- oder Mohnfeldern – stets vor einem strahlenden Himmel…. Die Realität sieht anders aus.

Da Veronique selber begeisterte Radfahrerin ist, bietet sie Radlern eine kostenlose Unterkunft in Haus und Innenhof an. Nach und nach füllt sich das Haus und Gabriel, ihr 7-jähriger Sohn hält alle auf trapp. Im Garten – einer Oase gleich – steht ein ganzer Fuhrpark an Rädern. Abends wird zusammen gekocht und die neuesten Infos über Visa, Grenzübergänge, Routen etc. machen die Runde. Kaum war Ria genesen erwischte es mich mit den gleichen Symptomen auf der ersten Etappe in den Pamir. Aber das war erst der Anfang ….

Von Kalaikhum führt uns die M 41 knapp 300 km auf tadschikischer Seite nach Khorog entlang der Grenze zu Afghanistan. Der reißende, grau-braune Strom „Panj“ trennt beide Länder voneinander. Oft ist das Flussbett so schmal, dass wir im wahrsten Sinne des Wortes nur einen Steinwurf von Afghanistan entfernt kurbeln. Bereits in Usbekistan waren wir nur noch 100 km von Masar-e Scharif entfernt. Die unmittelbare Nähe Afghanistans macht sich vor allem an den zahlreichen Militär-Checkpoints bemerkbar. Mit Kalaschnikow im Anschlag werden wir alle 100 km gestoppt, um uns zu registrieren. Das Tal des Panj ist anfangs etwas weiter mit einigen kleinen Siedlungen, dann verengt es sich immer mehr. Kurze Schluchtenpassagen und leichte Talweitungen mit teils idyllischen Dörfern wechseln sich ab. Bei jedem Halt versammelt sich blitzschnell eine Horde Kinder um uns. „Photo! Photo!“ wird gerufen. Jeder möchte aufs Bild. Wenn wir dann anschließend das Ergebnis zeigen, recken die Jungen den Daumen, die Mädchen lachen verschämt. Hände abklatschen ist ebenfalls sehr beliebt und selbst die Kleinsten, 3-jährigen, winken uns schon zu und rufen „Hello“. Nur gelegentlich „übertreiben“ es die Kids. Da wird dann schon mal versucht, die Hand festzuhalten oder uns mit einem gespannten Seil am Weiterfahren zu hindern…

Die Fahrt am Grenzfluss ist kaum leichter als zuvor zum Pass. Die Anstiege sind mit 10 % und mehr meist kurz und giftig, der Untergrund Offroad tauglich. Miserable Pistenabschnitte wechseln mit altersschwachem Asphalt, der aber so flickenhaft ist, dass wir meist Slalom auf den Reststücken fahren. Hinzu kommen die zahlreichen Trucks – meist in Kolonne – und mit ihnen jede Menge Staub und Abgase. Besonders auf den Singeltrails wird es für dann mehr als eng und viel Platz zwischen uns und dem Abhang zum Panj ist oft nicht mehr.

Der Blick auf die afghanische Seite ist dafür immer wieder faszinierend. Auf teils abenteuerlichen Saumpfaden laufen die Menschen zu ihren Feldern, die ebenso abenteuerlich in schwindelerregender Höhe oberhalb des Panj an den steilen Hängen „kleben“. Zum Transport schwerer Lasten wird fast überall noch der Esel eingesetzt. Abends begleitet uns deren vielstimmiges Geschrei zusammen mit dem Ruf des Muezzin in den Schlaf. Obwohl das Tal oft sehr schmal ist und außer für die M 41 nicht viel Platz, finden wir immer wieder einen Stellplatz für unser Zelt. Bereits gegen 19 Uhr ist es dunkel und jede Nacht auf’s Neue nimmt uns der Sternenhimmel gefangen.

2 Tage vor Khorog erwischt es mich erneut. Mit Fieber, Durchfall und Erbrechen quäle ich mich irgendwie über die Straße, viele Stunden liege ich im Gras, unfähig aufzustehen. Ria muss in dieser Zeit fast alles alleine machen. Zu allem Überfluss geraten wir auch noch in ein Unwetter. Ein Sturm fegt durch das Tal und in minutenschnelle ist vom aufgewirbelten Sand der Himmel nicht mehr zu sehen. Wir suchen den nächstbesten Zeltplatz. Ria baut in windeseile das Zelt auf, während ich völlig erschöpft auf dem Boden liege. Nach 1 Stunde ist der Sturm vorbei und das Innenzelt voller Sand. Am 04.09. erreichen wir endlich Khorog, die selbsternannte Hauptstadt des Pamir. Gut 30.000 Menschen leben hier. Auf den Straßen herrscht Gedränge und lebhaftes Treiben. Mein Magen-Darm-Leiden erreicht hier seinen „Höhepunkt“. Nach einer schlaflosen, grauenvollen Nacht bin ich völlig entkräftet und dehydriert. In den folgenden Tagen geht es dann langsam bergauf und die Lebensgeister kommen zurück. Währenddessen geht es mit Ria genau in die entgegengesetzte Richtung. Nun hat sie mehrere Tage Fieber und Durchfall, dazu einen hartnäckigen Husten.

Mittlerweile sind wir fast 1 Woche in der Pamir Lodge in Khorog und so langsam beide wieder radtauglich. Neben der anfänglichen „Scheißerei“ sind die Tage hier mit den Generalüberholungen unserer Räder, Vorratseinkäufen, Wäsche waschen, Recherchieren, Lesen, netten Begegnungen mit anderen Reisenden und viel Schlafen ausgefüllt.

So Gott und Montezuma wollen werden wir übermorgen unsere Reise auf dem Pamir-Highway fortsetzen.

(Bilder folgen)

Seidenstraßenzauber und staubige Rüttelpisten

Denov/ Usbekistan uzbekistan
141. Reisetag
4.500 km, 26.730 hm
(Bericht vom 18.08.2013)

P1110146 In Usbekistan folgen wir zwischen Buchara und Samarkand der Seidenstraße. Der Mythos dieser geschichtsträchtigen, sich vielfach verzweigenden alten Handelsroute zwischen Okzident und Orient hatte uns schon bei der Planung unserer Reise in den Bann gezogen. Über das weitverzweigte Netz von Karawanenstraßen wurden einst allerlei Waren transportiert. Gleichzeitig fanden Religionen, Kulturen und Wissenschaft auf diese Weise ihre Verbreitung.

Der landschaftliche Kontrast nach dem Grenzübergang bei Farap ist schon extrem. Nach Wüstenstaub und kargem Steppengras im Nordiran und Turkmenistan erstrecken sich nun großflächig künstlich bewässerte Baumwollplantagen links und rechts der Straße. Usbekistan ist einer der weltgrößten Baumwollexporteure.

Die alte Seidenstraßen-Stadt Buchara fasziniert uns mit ihrem Prunkbauten und Monumenten aus einer hart umkämpften Vergangenheit. Nicht zu Unrecht trägt sie den Namen „Die Edle“. Die Altstadt ist nahezu vollständig erhalten und wirkt wie ein Freilichtmuseum. Trotz der Sowjetherrschaft ist sie eine orientalische Stadt geblieben, die vom Islam geprägt ist. Auch Jahrhunderte nach ihrer Fertigstellung schimmern zahlreiche Kuppeln blau und glänzen die Fassaden der Medresen und Moscheen als ob sie gerade fertigstellt worden wären. Das Blau der Kacheln hat in Buchara eine besondere Bedeutung. Es ist das Blau des Himmels, die Farbe des Lichts und des Lebens. Am 50 m hohen Kalon Minarett (12. Jh.) im Herzen der Altstadt ruhen wir im Schatten aus und lassen die Atmosphäre auf uns wirken. Das Leben in den engen Gassen zwischen den Lehmhäusern nimmt während der Tageshitze eher einen gemächlichen Gang. Erst gegen Abend wird es lebhafter. Am Labi Xauz, einem der beliebtesten Plätze Bucharas, genießen Einheimische wie Touristen Abendstimmung und mildere Temperaturen. Der Platz und das Wasserbecken in der Mitte sind in buntes Licht getaucht. Fast wirkt das Treiben wie auf einem kleinen Jahrmarkt. Es gibt Eis, Zuckerwatte, Popcorn. Wie mag es wohl zu Zeiten Marco Polos, dem wohl berühmtesten Reisenden auf der Seidenstraße, hier ausgesehen haben, wenn die Karawanen nach den trockenen Wüsten- und Steppenlandschaften in der Oasenstadt ankamen?

Wie schon in Mashhad (Iran) treffen sich im Hotspot Buchara die Radreisenden von West und Ost kommend. Und so sitzen wir am Abend mit Marica (Holland), Norbert (Bonn), Heidi/Markus (Österreich) und Gergana/Michael (Magdeburg) vor der Ko‘kaldosh-Medrese und tauschen Erlebnisse und Geschichten aus. Nach 2 Tagen brechen wir mit Marica, der „fliegenden Holländerin“, nach Samarkand auf. Der Asphalt ist zunächst gut und so schaffen wir am ersten Tag 130 km mit einem Schnitt von 23 km/h. Beides neuer Rekord. An den darauffolgenden Tagen ist der Bodenbelag deutlich schlechter. Immer wieder fluchen wir über die vielen Schlaglöcher und hohe Bodenwellen. Obwohl auf der Hauptschlagader des Landes unterwegs, ist der Individualverkehr nicht übermäßig. Dennoch gibt es einige brenzlige Situationen. Die Usbeken fahren teilweise wie die Irren. Nicht nur einmal rutscht uns das „Herz in die Hose“… Neben alten Ladas und russischen Kamaz-Lkw’s tummeln sich vor allem lauter vollbesetzte Kleinwagen der Marke Daewoo auf den Straßen. Bei Bauern können wir abends unsere Zelte und werden am Abend noch mit Brot, Tee und Wassermelonen versorgt. Im Morgengrauen weckt uns das markerschütternde Geschrei der Esel, die hier immer noch vielfach als Lastentiere genutzt werden.

Kulinarisch ist die Reise durch die Stan-Länder kein leichtes Unterfangen. Das Hauptnahrungsmittel in Zentralasien ist seit ewigen Zeiten Brot. Frisch gebacken schmeckt es lecker. Nach einem Tag beginnt es sich jedoch in Zwieback zu verwandeln. Am leckersten sind noch die Lepjoschki – runde aufgebackene Brotfladen, die überall am Straßenrand verkauft werden. Mit Sonnenblumenöl „glasiert“ glänzen sie in der Sonne. Ansonsten ist die zentralasiatische Küche sehr fettlastig. „Das“ Markenzeichen schlechthin ist Plow. Dieses traditionell orientalische Reisgericht aus Hammelfleisch, Zwiebel, Karotten und Reis wird an allen Ecken in großen Pfannen angeboten. Restaurants nach westeuropäischen Vorstellungen gibt es praktisch nicht. Da Brot allein nicht satt macht essen auch wir Plow. Die mangelhafte Sauberkeit beim Kochen und Spülen des Geschirrs setzt unseren Verdauungstrakten jedoch zu. In Samarkand erwischt uns schließlich „Montezumas Rache“. Zunächst liege ich mit Fieber, Erbrechen und Durchfall flach, kurz darauf hat auch Ria Magenprobleme. Alle anderen Radler und Reisenden die wir treffen, klagen über ähnliche Leiden und Ausfallzeiten. Mittlerweile kochen wir nur noch selbst. Bei dem dünnen Warenangebot der Miniläden nicht immer leicht was „Gescheites“ hinzubekommen. Neben den immer gleichen Bonbons, offenen Keksen und Limonaden gibt es meist nur Nudeln und Dosenware. Aus Tomaten, Zwiebeln, Knoblauch und Öl lässt sich jedoch eine leckere Sauce kochen.

Auch sprachlich ist es nicht mehr so leicht sich zu verständigen. Russisch als Verwaltungs- und Verkehrssprache wird von vielen Usbeken zwar noch gesprochen, die Englischkenntnisse sind aber eher zufällig und reichen über ein „Hello“ oft nicht hinaus. Das schallt uns von Männern aber stets freundlich entgegen und wird meist mit einem lauten Kreischen oder Pfeifen begleitet. Usbekische Frauen sind da deutlich zurückhaltender. Besonders Ria schenken sie aber immer wieder ein herzliches Lächeln, das ihre goldenen Zähne zeigt. Auch die Hilfsbereitschaft erschließt sich oft erst auf den zweiten Blick, ist aber stets vorhanden. Dabei sind die Usbeken angenehm unaufdringlich und unkompliziert. Fragen wir nach einem Zeltplatz, werden wir nie abgewiesen. Was uns auch positiv auffällt: es ist viel sauberer als noch im Iran und Turkmenistan. Erstaunlich, gibt es doch praktisch keinen einzigen öffentlich Mülleimer. Unsere Wasserflaschen aus Turkmenistan können wir z.B. erst in Buchara nach 120 km entsorgen.

Auf Märkten und Basaren am Straßenrand herrscht stets ein buntes Treiben. Mindestens genauso faszinierend wie die Geschichte und Bauwerke Usbekistans ist hier die Vielfalt usbekischer Gesichter. Aus allen Himmelsrichtungen kommend scheinen die Menschen in Usbekistan heimisch geworden zu sein. Neben typisch russischen sehen wir viele Formen asiatischer Gesichtszüge. In ihrer Kleidung bevorzugen usbekische Männer dunkle Farben. Manch einer trägt auch im Sommer einen langen Steppmantel, der von einer bunten Schärpe zusammengehalten wird. Fest jeder hat eine schwarze, viereckige Kappe auf dem Kopf, die mit weißen Stickereien verziert ist. Frauen bevorzugen knielange Kleider in bunten Farben. Ein oder zwei geflochtene Zöpfe signalisieren, dass eine Frau verheiratet ist, ein kleine Krone dass sie gerade das “Ja-Wort” gegeben hat.

Der Weg von Samarkand nach Dushanbe ist für uns 4 Pedalisten kein leichter. Die Straßen sind oft im schlechtem Zustand, im Zerafson Gebirge müssen wir den Tahtaqaracha Pass (1.788 m) und einen weiteren Pass von 1.500 m Höhe überqueren. Beides keine „Riesen“ aber manche Passagen sind bis zu 12 % steil. Nach 6 Tagen in glühender Hitze (bis zu 46 °C in der Sonne), jeder Menge Staub und Katzenwäsche am Abend freuen wir uns nun auf eine Dusche und ein klimatisiertes Zimmer in Dushanbe.

In wenigen Tagen starten wir dann zu einem der Höhepunkte unserer Reise. Es geht auf den legendären Pamir-Highway. Eine grandiose Straße über das ‘Dach der Welt’ (Bam-i-Duna), wie der Pamir von den Einheimischen genannt wird. Tiefe Schluchten, weite Hochebenen, faszinierendes Hochgebirge mit Pässen jenseits der 4.000 m – eine der spektakulärsten und härtesten Hochgebirgsstraßen, die man mit dem Rad befahren kann.

Turkmenistan-Ralley


Turkmenabad/ Turkmenistan turkmenistan
124. Reisetag
3.590 km, 21.430 hm
(Bericht vom 03
.08.2013)

Tiefe Spurrillen im Asphalt

Ein Gauner, ein „6er im Lotto“, unerträgliche Hitze, Gegenwind und ein paranoider Staat – das ist in Kurzform unsere Reise durch Turkmenistan.

Wer von Iran weiter Richtung Zentralasien will, muss durch Turkmenistan. Die restriktive Visa-Politik ließ bei uns schon im Vorfeld wenig Begeisterung aufkommen. Ganze 5 Tage Transitvisum gewährt der einst südlichste Staat der Sowjetunion Reisenden. 5 Tage für 550 km bei über 50 °C in der Sonne! Kein Zuckerschlecken. Doch es kommt noch schlimmer. Lausige 3 Tage gewährt uns Ashgabad, um von Sarakhs nach Fahab durch die turkmenische Wüste zu kommen. Damit ist unser Plan, nur per Rad zu reisen, passé. Warum so kurz? Das wissen wohl nur die Pappnasen in Turkmenistan. De facto sind es dann gerade einmal 48 Stunden, die wir im Land sein können. Dafür knöpft uns der Staat 110 $ Visagebühr und 24 $ für die Registrierung ab. Wahrscheinlich fließen unsere Devisen in einen weiteren sinnlosen Prunkbau des Herrn Präsidenten. In die Straßen kann es jedenfalls nicht investiert werden, denn die sind oft miserabel.

Nachdem die Ausreise aus dem Iran recht problemlos und zügig verläuft stehen wir mit unserem gültigen 3-Tages-Visum an der turkmenischen Grenzkontrolle. Wie in einer Zeitmaschine fühlen wir uns 100 Jahre zurückversetzt. Den kahlen Raum bestimmen ein Schalter, ein riesiger Scanner und dahinter ein langer Tisch, an dem ordentlich aufgereiht 1 Grenzbeamtin und 3 Kollegen mit strengem Blick auf uns warten. Die überdimensionierten Mützen scheinen noch aus der Sowjet-Ära zu stammen. Während wir auf das „was da kommt“ warten, betreten unzählige Mitarbeiter den Raum …. und verlassen ihn wieder. Heidi und Markus aus Österreich (2 Langstreckenradler, die wir in Mashhad trafen) sind auch da. Ihren Gesichtern ist anzusehen, dass sie hier schon eine kleine Ewigkeit warten. Unser Glück scheint die anstehende Mittagspause des Beamtenstabes zu sein. Gleich nach Markus und Heidi werden auch wir „zolltechnisch bearbeitet“. Wir schieben unser gesamtes Gepäck durch den Scanner. Keine Ahnung, ob das Ding noch funktioniert. Da die Grenzbeamten der eigenen Technik wohl auch nicht vertrauen müssen wir anschließend noch alle Taschen öffnen. Nach einer guten Stunde haben wir den turkmenischen Einreisestempel im Pass. In Sarakhs fragen wir Bayram, einen Turkmenen auf einem russischem Kleintransporter, ob er nach Mary (ca. 170 km) fährt. Ja fährt er! Welch ein Glück, denken wir. Gemeinsam hieven wir die 65 kg schweren Räder auf den Transporter. 24 Liter Wasser lagern in und auf unseren Taschen. Doch anders als gedacht geht es nicht direkt nach Mary. Bayram bringt uns zu seiner Mutter, die gerade mit ihren Töchtern das Mittagessen auftischt. Es gibt Plov und Samsam (fettige, aber leckere mit Fleisch und Zwiebeln gefüllte Teigtaschen). Nach einer halben Stunde geht es los… aber nur bis zu seinem Haus. Na klar, denken wir, Bayram möchte uns auch noch seine Kinder vorstellen. Doch der Grund ist ein anderer: „Money!“ Es geht ums Geld. Bayram will 100 $ für die Fahrt haben. Eine Wahnsinnssumme! Wir bieten 6 $ bis Hauz Han (110 km). Nach vielem Hin und Her und weil uns schon zu viel Zeit verloren gegangen ist, „einigen“ wir uns auf 16 $. Wie ein Wilder rast Bayram über den brüchigen und löchrigen Straßenbelag. Wir hocken hinten und fliegen samt Rädern dutzende Male durch den Laderaum. Alle 7-10 km gibt es eine Zwangspause, damit der total überhitzte Motor nicht völlig den Geist aufgibt. Nach 3 endlosen Stunden ist die Höllenfahrt beendet. Doch vom Ort Hauz Han ist weit und breit nichts zu sehen. Angeblich, so Bayram, würden auf den letzten 5 km Polizeiposten sein. Das gäbe Probleme mit uns an Bord. Wir ziehen 1 $ von der vereinbarten Summe ab und nach einigem Gemotze saust Bayram davon. Wie sich später herausstellt, hat uns der Gauner angeschwindelt. Ganze 20 km fahren wir noch bis Hauz Han. Mittlerweile ist es kurz vor Sonnenuntergang. Da wir nicht wissen, wann (und ob) ein Zug morgen von Mary Richtung turkmenisch-usbekische Grenze fährt, radeln wir in die Nacht hinein. Die kleinen Lichtkegel unserer Radlampen reichen gerade aus, um uns vor den größten Schlaglöchern und Bodenwellen zu warnen. Der Fernverkehr ist zu dieser Zeit noch stärker als am Tag. Nachts gibt es keine Radarkontrollen und die Motoren der Trucks überhitzen nicht so schnell. Nach 4 Stunden Schlaf geht es kurz nach 6 Uhr am nächsten Morgen weiter. Zum Glück ist der Wind in den ersten beiden Stunden nicht so stark, so dass wir zunächst gut vorankommen. Ab 8 Uhr wird es dann zunehmend schwieriger. Der Wind bläst aus nordöstlicher Richtung zunehmend stärker und trotz kräftigem Treten fahren wir nicht mehr schneller als 12 km/h. Die Straße schneidet sich durch mit Büschen bewachsene Sanddünen. Rund um die kleinen Ortschaften fahren wir an bewirtschafteten Feldern vorbei. Die Turkmenen am Straßenrand sind durchweg freundlich. Besonders die schönen turkmenischen Frauen in ihren bunten Kleidern gefallen uns. Im Iran hatten wir zuletzt nur „schwarze Zwerge“ gesehen.

Um 10 Uhr erreichen wir Mary und „ziehen den Hauptgewinn“. Marat begleitet uns mit seinem BMW zum Bahnhof und hilft uns auch am Schalter. Ohne seine Hilfe wäre der Ticketkauf wahrscheinlich zu einem stundenlangen Alptraum geworden. Als sich die kleine Glasscheibe in der überdimensionierten Bahnhofshalle das erste Mal öffnet, steht eine riesige Menschentraube davor. Ria und Marat mittendrin. Zuvor musste sich jeder in eine Namensliste eintragen. Warum bleibt das Geheimnis der staatlichen Bahngesellschaft. Nachdem einige wenige Tickets glückliche Besitzer finden, schließt die Beamtin erst mal wieder den Schalter. Draußen ist es in der Sonne mittlerweile irre heiß (über 50 °C). 2 Stunden später öffnet sich das Türchen erneut. Die Menschentraube ist mittlerweile ziemlich träge. Marat reagiert jedoch blitzschnell und kauft die beiden angebotenen Tickets für ein Schlafabteil. Der Preis ist für uns spottbillig. Ganze 26 Manat (keine 10 €) inklusive Gepäck kostet die Fahrt. Anschließend geht es zur Gepäckaufgabe. Auch hier schlägt die Bürokratie voll zu. Wir müssen unsere Räder wiegen lassen, anschließend werden eifrig jede Menge Formulare ausgefüllt. Da uns bis zur Abfahrt um 2 Uhr nachts noch einige Stunden bleiben, fährt Marat durch das nächtliche Mary und lädt uns zum Essen ein. Zum Abschluss wollen auf einer Bank ein wenig ausruhen. Wir sitzen keine 2 Minuten da taucht auch schon die Polizei auf. Über Lautsprecher werden wir zum Verlassen aufgefordert. Nachts soll sich niemand draußen „rumtreiben“. Wie paranoid, denken wir. Mit 1 Stunde Verspätung setzt sich gegen 3 Uhr der Zug endlich Richtung Turkmenabad in Bewegung. Völlig übermüdet schlafen wir in einem 4er-Abteil schnell ein. Nach 3 Stunden weckt uns der diensthabende Schaffner bereits wieder. Obwohl unser Zug erst um 8 Uhr sein Ziel erreicht, müssen wir Betten und Kopfkissen abziehen und abgeben… Zur Erinnerung will ich (Oliver) ein Foto vom Abteil machen. Das bekommt einer der zahlreichen Schaffner mit. Umgehend habe ich das Foto zu löschen. Doch einmal in Fahrt, reicht ihm das nicht. Er will nunmehr alle Fotos aus Turkmenistan sehen und fast alle gelöscht haben. Das sehe ich nicht ein. Nach ein paar Löschungen schalte ich die Kamera einfach aus. Kurz darauf erscheint das Zugpersonal in Mannschaftsstärke. Ich bin gerade auf der Toilette. Ria muss unsere Pässe vorzeigen. Als ich zurückkomme verlangt der Chef der Truppe mein Handy und die Kamera. Ich insistiere, mache ihm klar, dass wir inzwischen alle Bilder gelöscht haben. Geistesgegenwärtig hat Ria kurz zuvor noch eine leere Speicherkarte eingesetzt. Dennoch sind uns eindrucksvolle Bilder von Menschen Turkmenistans durch diesen Vorfall abhanden gekommen.

Von Turkmenabad nehmen wir noch einen Regionalzug nach Farab und fahren die letzten 20 km zur Grenze. Die Bürokratie schlägt auch hier wieder voll zu. Je 5 x werden unsere Pässe auf turkmenischer und usbekischer Seite kontrolliert. Wir schalten auf Alpha-Zustand und lächeln milde. Nach 3 Stunden (dieses Mal ohne Gepäckkontrolle) haben wir endlich usbekischen Asphalt unter den Reifen.

 

 

Unterwegs im Norden Irans

Sarakhs / Iran iran
121. Reisetag
3.350 km, 21.130 hm
Bericht vom 31.07.2013

Mihad schenkte uns eine Flasche kühles Wasser und Nektrarinen

 „Hello! Hello! Welcome to Iran!“ Strahlend springt Mihad aus seinem Pkw und kommt über die Straße gerannt. In der einen Hand eine Tüte voll Nektarinen in der anderen kaltes Wasser. „You must be thirsty. Here drink an eat!“ Wir sind auf dem letzten Abschnitt unserer Iranroute, auf der Fernstraße von Mashad zur turkmenischen Grenze. Die Provinz Khorassan (übersetzt „Land der aufgehenden Sonne“) im Nordosten des Landes bildet den Übergang zu den Steppen Turkmenistans. Als uns Mihad stoppt zeigt unser Thermometer 42 °C in der Sonne. Unsere Kehlen sind staubtrocken, Salz und Sand brennen in den Augen. Durstig leeren wir ein Glas nach dem anderen. Mihad füllt eifrig unsere Gläser auf und lacht dabei vor Freude. Wieder einmal werden wir spontan beschenkt – wie so oft in den letzten Wochen im Land.

Die Iraner sind äußerst interessiert an uns. Stets fallen wir auf. Zum einen wegen unserer ,komischen’ Gefährte, zum anderen sind nur wenige Touristen im Land unterwegs. In den Gesprächen und Begegnungen spüren wir, wie groß die Sehnsucht vieler Menschen nach Austausch ist. Neugierig werden wir nach dem Woher, Wohin befragt und ob uns der Iran gefällt. Wenn wir bei Familien zu Gast sind kommen Nachbarn und Verwandte vorbei, um kurz die Deutschen zu sehen und ein paar Worte zu wechseln.

Zur „Feier des Tages“ werden leckere Köstlichkeiten „aufgetischt“ (gegessen wird jedoch auf dem Boden. Uns gefällt diese Art zu speisen, ist es doch irgendwie unverkrampfter und man kann sich anschließend mit der Familie gleich in die bereitliegenden Kissen lümmeln). Abgusht (Eintopf aus Schaffleisch, Kartoffeln, Tomaten und Kichererbsen), frisches samgak (Fladenbrot), gefülltes Hähnchen, selbstgemachte Torschi und Sabzi Chordan (rohe Kräuter zum Essen). Cay, Götterspeise, Obst und Gebäck runden das Mal ab.

Unser „tägliches Brot“ ist bescheidener. Meist essen wir Brot mit Honig, Tomaten, Gurken und Melone, im Lokal „Chicken-Kebap“ mit halb verkohlten Tomaten, sehr säuerlich schmeckende Gurken und Reis.

Um an frisches Brot aus dem Steinbackofen zu kommen fahren wir oft kleine Seitenstraßen ab. Wenn in den Gassen sich Warteschlangen ohne ersichtlichen Grund vor Hauswänden gebildet haben ist das für uns immer ein untrügliches Zeichen, dass hier frische lavash, samgak oder barbari verkauft werden, traditionelle iranische Fladenbrotsorten. Als Ausländer bekommen wir die dampfenden Laibe nicht selten geschenkt.

So freundlich und zuvorkommend die Iraner sind, an manchen Tagen sind wir mit der ständigen Aufmerksamkeit jedoch überfordert. Alle paar Kilometer werden wir auf der Straße gestoppt: hier ein Smaltalk mit der Familie, da ein paar Fotos mit den Kindern… kaum sind wir wieder richtig „im Tritt“ stoppt schon das nächste Auto vor uns…

Trotzdem versuchen wir allen „gerecht“ zu werden und auch beim 30. Mal die Fragen nach dem Woher und Wohin geduldig zu beantworten.

Erstaunlich offen sprechen die Menschen uns gegenüber die teilweise schlechten Lebensbedingungen, die eingeschränkten sozialen Entfaltungsmöglichkeiten und die Repression unter Präsident Ahmadineschad an.

Viele, vor allem junge, gut ausgebildete, wollen ins Ausland gehen und träumen von einem besseren Leben in Amerika, Großbritannien oder Deutschland. Wir treffen kaum jemand, der seine berufliche Zukunft im Iran sieht. Auch die Wahl Rouhanis zum neuen Präsidenten macht nur wenigen Hoffnung. Bayram, den wir Esfahan treffen, ist jedoch überzeugt, dass es einen Wandel geben wird. Dass er seine Hoffnung trotzdem nur halblaut und nach mehrmaligen Um-sich-Blicken tut, macht auch ohne viele Worte klar, dass man ständig aufpassen muss. Angst vor Repressalien und die strengen Moralgesetze lassen nur wenig Raum für persönliche Entwicklung.

Anhand des Kopftuchzwanges erlebt Ria am eigenen Leib, was es bedeutet, wenn die persönliche Autonomie beschnitten wird. Gegen ihren Willen muss sie im Iran das Kopftuch und in Mashad gezwungenermaßen freiwillig den Tschador tragen. Das äußerst konservative Mashad („Märtyrerstätte“) ist mit 2,5 Millionen Einwohnern das Zentrum des Nordostens und jedes Jahr Pilgerstätte für Millionen Muslime. Hier liegt das Grab des Imam Reza, dem 8. Imam der Schiiten. Ohne Tschador auf der Straße wird Ria unentwegt und unverhohlen angestarrt, fast so als wäre sie nackt. Ein unangenehmes Gefühl. Mit Tschador werden die Blicke weniger intensiv. Die Hitze unter der Ganzkörperverhüllung ist aber nicht weniger anstrengend.

Die Einschränkung persönlicher Freiheiten scheinen die Iraner im Straßenverkehr zu kompensieren. Auf dem Asphalt herrscht die blanke Anarchie. Die Städte sind übervoll mit Individualverkehr. Jegliche Regeln werden ignoriert: Rechts vor Links gibt es nicht. Halten bei Rot? Wozu? Statt eines Schulterblicks wird „Gas“ gegeben. Und Geisterfahrer sind hier keine Meldung wert, denn Gegenverkehr auf unserer Spur ist ganz „normal“. Auch die Anwesenheit von Verkehrspolizisten ändert nichts an diesen Gepflogenheiten. Doch wir haben uns schnell an das Chaos gewöhnt und machen es wie die Iraner: sobald sich eine Lücke auftut einfach reinfahren. Irgendwie geht es immer ein Stück voran und jeder traktiert seine Hupe so gut und so oft er kann.

Leider habe ich (Oliver) im Iran aber auch ein unangenehmes Erlebnis auf der Straße. Zum ersten Mal in 12 Jahren Radreisen werde ich körperlich attackiert. In Talesh überholt uns ein Zweirad mit 2 jungen Männern. Beim Passieren schlägt mir der Beifahrer mit der Hand in den Nacken. Glücklicherweise behalte ich die Kontrolle über mein Rad. Dennoch ist der Fahrspaß in den nächsten Tagen getrübt. Dieser Vorfall ist jedoch der einzige negative. In positiver Erinnerung bleiben uns vor allem die vielen wunderbaren Abende bei unseren Gastfamilien, die Großzügigkeit und Herzlichkeit der Iraner und ein vielschichtiges Land, dass wir in 3 Wochen nur ansatzweise begreifen konnten.

 

Eingetaucht im Orient

Esfahan / Iran iran
112. Reisetag
(Bericht vom 18.07.2013)

IMGP8368 Gleißend scheint die Mittagssonne. Majestätisch erheben sich die blau-türkisfarbenen Moscheekuppeln über dem endlos wirkenden Dächermeer. Wir sind auf 1.500 m über N.N. Dennoch ist es drückend heiß. Bei 45 °C in der Sonne bläßt uns der Wind in den Straßen wie ein heißer Fön ins Gesicht. Isfahan liegt in Zentraliran in wüstenhafter Landschaft. Die 6-stündige Busfahrt von Teheran führte durch ausgetrocknetes, staubiges Hochland. Seit jeher ist der Fluss Zayandeh Rud Lebensader der 2 Millionen Einwohner zählenden Stadt, die wie eine Oase wirkt.

Uns haben die Geschichte Isfahans und seine zahlreichen Prachtbauten angelockt.

Die Stadt ist seit Jahrhunderten wichtiges Handelszentrum, in dem Religiosität und Handel die tragenden Säulen sind.

Gemeinsam mit Veronique und Julien aus Paris, die wir an der turkmenischen Botschaft in Teheran kennengelernt haben, streifen wir durch das Gassengewirr. Alle Bauwerke der Stadt überragt die Freitags-Moschee. Im 11. Jahrhundert erbaut besitzt sie die größte Moschee-Anlage Irans. In die gewaltige Südkuppel können wir leider nicht, doch auch die andere Teile des riesigen Areals sind faszinierend.

Der Königsplatz „Meydan-e Emam“ im Zentrum beeindruckt allein schon durch seine schiere Größe. Mit über 500 m Länge ist er der größte der Welt. Den Platz umsäumen doppelstöckige Arkaden. In den Untergeschossen befinden sich Arbeitsstätten und Geschäfte der Kunsthandwerker. Jede der 4 Seiten des „Großen Platzes“ beherrscht ein herausragendes Bauwerk.

Als erstes besuchen wir den Palast „Ali Quapu“. Von dessen offener Vorhalle, getragen von 18 Holzsäulen, haben wir einen imposanten Blick auf den Platz. Das Klacken der Pferdehufe, die fußlahme Besucher in Kutschen ziehen, hallt über den Platz. Leider trübt ein Baugerüst die Sicht etwas.

In der Imam-Moschee erhalten wir eine private Führung. 20 Jahre dauerte ihr Bau. Das hoch aufstrebende Eingangsportal mit Doppelminarett wirkt erhaben. Die Moschee gilt als eine der schönsten aus der Safaviden-Zeit. Im Inneren sehen wir warum. Wunderschöne Fliesen in tiefblauem Grundton und mit feinen Musterelementen schmücken den riesigen Innenhof. Die 54 m hohe Kuppel überstrahlt jedoch alles. Der Blick hinauf zum Strahlenkranz-Medaillon macht uns sprachlos, so meisterhaft und vollendet wirken die Ornamente.

Die 2. Moschee am Platz, die Lotfollah-Moschee von 1616, wirkt in ihren Ausmaßen dagegen bescheiden. Im Inneren ist sie jedoch nicht weniger faszinierend. Der Kuppelsaal ist der bisher schönste, den wir gesehen haben. Alles wirkt elegant, leicht – fast schwerelos. Die blau-gelben Fayencen erzeugen im gebrochenen Tageslicht eine warme, harmonische Stimmung. Lange sitzen wir am Boden auf den Perser-Teppichen und lassen die Atmosphäre auf uns wirken.

Anschließend streifen wir durch den Bazar Isfahans. Ein dichtes, schier unüberschaubares Netz aus Gassen, Kuppeln und kleinen Innenhöfen bildet das geschäftige Herz der Stadt. Wir genießen die angenehme Kühle in den alten Gemäuern und lassen uns vom Menschenstrom treiben. Alles mögliche wird feilgeboten: Teppiche, Kunsthandwerk, Antiquitäten, Stoffdrucke, Wolle, Obst und Gemüse, Farben, Kleider, Schuhe … es riecht nach orientalischen Gewürzen und Rosenblättern. Lastenträger verrichten ihre schwere Arbeit. Überall wird gehandelt. Obwohl es voll ist, können wir ungestört durch die Gassen streifen. Niemand preist lauthals seine Waren an. Auf der Brücke Pol-e-Khadjou lassen wir das Erlebte auf uns wirken und ruhen im Schatten ein wenig aus. Die Brücke wurde 1630 erbaut. 23 Bögen aus Steinen und Ziegeln überspannen den Zayandeh-Rud an dieser Stelle. Auf beiden Seiten der Brücke befinden sich überwölbte Galerien. Die Brückenköpfe und den Mittelteil zieren kleine Pavillons. Nach einer Stunden sausen wir mit dem Taxi zurück zum Platz „Meydan-e Emam“. Taxen gibt es in jeder iranischen Stadt wie Sand am Meer. Sie sind günstig, fahren schnell von A nach B und ersparen einem lange Suchereien nach der richtigen Buslinie. So oft wie in Teheran und Isfahan haben wir in unserem gesamten bisherigen Leben noch nicht Taxen gesessen.

Als es zu dämmern beginnt, versammeln sich die Isfahaner auf dem Großen Platz und warten auf das Fastenende. Kurz nach 21 Uhr picknicken schließlich überall Familien vor sich hin. Wir genießen die entspannte Atmosphäre und den Blick auf die erleuchteten Prachtbauten. Unsern Hunger stillen wir mit einem Kebab und gebackenen Tomaten. Zum Abschluss gönnen wir uns mit Veronique und Julien unsere erste Wasserpfeife. Versteckt in den dunklen Gassen der Stadt finden wir eine düster anmutende Kaschemme, gefüllt mit rauchenden jungen Männern. In einer Ecke lassen wir uns nieder. Verschwörerisch geht die Pfeife in unserer kleinen Reisegruppe reihum. Langsam füllen dichte Nebelschwaden den Raum. Etwas benebelt und nach Apfelduft riechend taumeln wir gegen 2 Uhr in unser Hotel.

Die knapp 30 Stunden in Isfahan waren prall gefüllt und unvergesslich. Ein Spruch sagt, „Hast Du Isfahan gesehen, hast Du die halbe Welt gesehen.“ Das ist sicherlich etwas übertrieben, aber eine Reise wert ist diese orientalische Stadt allemal. Die 28 Stunden Busfahrt (hin- und zurück) waren es wert. Gerne wären wir länger geblieben. Doch die Zeit rennt. Morgen geht es zurück zu Eslam und seiner Familie. Von Marand aus geht es nun mit dem Rad ans Kaspische Meer. Sicherlich wird auch dieser Abschnitt unserer Reise im Iran wieder jede Menge Überraschungen und Begegnungen bereithalten.

Auch zu diesem Bericht müssen die Bilder leider noch auf sich warten lassen. Alle Versuche eine Galerie hochzuladen wurden bisher geblockt. Immerhin ist ein Titelbild möglich und wir kommen noch auf unsere Homepage. Seiten anderer Reiseradler sind komplett blockiert…

Andere Länder andere Regeln und ein Blick hinter die Kulissen des Gottesstaates

Marand / Iran iran
105. Reisetag
2.990 km / hm

Schatten ist rar gesät Als wir am Donnerstag die türkisch-iranische Grenze erreichen, schlägt unser Puls doch deutlich schneller als bei den bisherigen Grenzübertritten. Vor einem mächtigen Eisentor, umgeben von hohen Zäunen mit Stacheldraht warten wir auf unseren Eintritt in die Islamische Republik. Übergroß blicken die „Revolutionsführer“ des Landes, Ayatollah Khomeini und Ayatollah Khamenei, von einem Plakat auf uns herab. Der Iran ist das einzige Land der Welt, in dem der schiitische Islam laut Verfassung Staatsreligion ist.

Nach wenigen Minuten öffnet sich das Tor und ein „aufmerksamer“ Guide begleitet uns durch die Grenzformalitäten. Nachdem unsere Pässe kontrolliert und abgestempelt sind, will man zunächst unser Gepäck sehen, verzichtet dann jedoch darauf. Ohne größere Probleme passieren wir nach weniger als 1 Stunde die letzte Schleuse. Vor wenigen Tagen kaum denkbar , fahren wir nun unsere ersten Kilometer auf iranischem Asphalt.

In der Stadt Maku wollen wir übernachten. Uns spricht ein freundlicher Deutsch-Dolmetscher aus Teheran an. Wieder einmal kommt unverhofft Hilfe, wenn wir sie benötigen. Gerade hatten wir vergeblich nach einer Wechselstube und einem Hotel Ausschau gehalten. Mit Pouryas Hilfe geht alles im Handumdrehen.

In den folgenden 2 Tagen fahren wir auf glattem Asphalt durch die Provinzen West- und Ost-Azerbeijan. Die wirtschaftliche Grundlage ist hier noch weitgehend die Land- und Viehwirtschaft. In ausgedehnte Becken und Tälern werden vor allem Sonnenblumen gepflanzt. Zahlreiche Schaf- und Kuhherden grasen die ausgetrockenen Weiden ab. Die Hochebenen sind steppenartig. Sandhosen wirbeln die staubtrockene Erde auf. Alle Flüsse sind ausgetrocknet, die Erdkruste ist in der Hitze aufgebrochen.

Der Lkw-Verkehr hat gegenüber den letzten Kilometern in der Türkei wieder deutlich zugenommen. Meist haben wir jedoch ein gut befahrbaren Seitenstreifen. Lediglich die waghalsigen Überholmanöver und das lautstarke, enthusiastische Hupen der Iraner lassen uns gelegentlich zusammenzucken. Nahezu jeder zweite Fahrer grüßt uns mit Licht- oder Signalhupe oder einem langgezogenen „Hellou!“. Wir fühlen uns von Anfang an im Land willkommen. Das in den Medien oft gezeichnete Bild eines sich abschottenden radikal-islamischen, „mittelalterlichen“ Staates können wir in den ersten Tagen nicht sehen. Freundlich winkend rufen uns die Menschen „Salam!“ (Hallo!) zu, immer wieder werden wir aufgefordert doch kurz anzuhalten.

Dennoch ist das Reisen im Iran für uns nicht so unbeschwert wie noch in der Türkei. Zwar erwartet der iranische Staat nicht (und erst recht nicht die Iraner), dass wir (Touristen) uns komplett dem koranischen Moralkodex unterwerfen. Einige „Benimmregeln“ müssen wir dennoch einhalten. Ab sofort hat Ria in der Öffentlichkeit ihr Haar mit einem Kopftuch zu bedecken und Oberbekleidung zu tragen, die die Körperformen nicht betont. Diese Regel ist nicht nur gewöhnungsbedürftig, bei 45°C in der Sonne ist sie auch lästig. Für mich (Oliver) ist die Kleiderordnung weniger restriktiv. Ärmellose Hemden oder T-Shirts werden nicht so gerne gesehen, aber ich kann sie tragen. Kurze Hosen sind tabu. Bei der intensiven Sonne sowieso keine gute Idee.

Hinzu kommt, dass wir mitten im Ramadan das Land bereisen. Von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang ist den Muslimen jegliche Nahrungsaufnahme und Trinken verboten. Für Touristen und Reisende gilt diese Vorschrift nicht. Um die religiösen Gefühle der Iraner nicht zu verletzen, nehmen wir „Festes“ jedoch nur noch abseits der Hauptstraße und sichtgeschützt ein. Die Flüssigkeitszufuhr regeln wir diskret am Straßenrand.

Auch sprachlich müssen wir uns „umstellen“. Die offizielle Staats- und Verwaltungssprache Irans ist Persisch (Farsi). Bis auf die Zahlen sind die Zeichen für uns ein „Buch mit 7 Siegeln“. Glücklicherweise stehen alle Ortsangaben auch in Englisch auf den Straßenschildern. Und auch unsere Türkisch-Kenntnisse können wir noch anwenden. Im Nordwesten Irans (Azerbeijan), wird Azeri-Türkisch gesprochen, das dem Türkischen ähnlich ist.

Kurz vor Marand treffen wir Akbar, Sportsmann durch und durch und immerzu lächelnd. In seiner Freizeit wartet er am Straßenrand auf Reiseradler, schenkt ihnen Erfrischungsgetränke und macht zur Erinnerung Fotos, die er in sein Album klebt. Gemeinsam fahren wir durch den chaotischen Stadtverkehr Marands zu Akbars Freund Eslam. Im Haus seiner Eltern verbringen wir 2 wunderbare Tage und Abende.

Was uns als erstes auffällt: das große Interesse, die Unbefangenheit und die überwältigende Freundlichkeit, die uns von allen Familienmitgliedern entgegengebracht wird. Wie schon in der Türkei beschenkt man uns mit Herzlichkeit, die uns tief berührt und nur schwer in Worte zu fassen ist.

Am ersten Abend sitzen wir gemeinsam mit Delara und Ghorban, Eslams Eltern, auf Perserteppichen im Wohnzimmer und machen es uns zwischen zahlreichen Kissen gemütlich. In der Mitte stehen bereits Essen und Trinken. Wie bei uns an Silvester blicken wir gespannt auf die eingeblendete Uhr im iranischen Fernsehen, die die letzten Minuten bis Sonnenuntergang anzeigt. Kurz nach 21 Uhr ist es endlich soweit. Das Fasten darf gebrochen werden. Über 16 Stunden haben Delara und Ghorban keinen Schluck getrunken und nichts gegessen. Nach einem kurzen Gebet beginnt das gemeinsame Abendmahl. Als es bereits nach Mitternacht ist machen wir uns alle auf den Weg in einen Art Vergnügungspark. Wie viele andere Familien breiten wir unsere Decke auf dem Rasen aus und essen zum Abschluss des Tages eine große Wassermelone.

Nach einer Mütze Schlaf fahren wir am nächsten Tag mit Eslam nach Jolfa nördlich von Marand. Extra für uns hat er sich einen Tag frei genommen. Die Grenzstadt zwischen Iran und Aserbaidschan ist eine Sonderwirtschaftszone in der Armenier, Aserbaidschaner, Russen und Iraner günstig einkaufen können. Wir schlendern ein wenig über den Markt und kaufen Süßigkeiten für die Kinder und Obst für uns. Von Jolfa aus fahren wir entlang des Flusses Aras, der hier die aserbaidschanisch-iranische Grenze bildet. Durch ein beeindruckendes Tal geht es zum Kloster des heiligen Stephanos. Die Straße windet sich entlang schroffer rötlicher Felsen, vorbei an Überresten einer alten Karawanserei und einer Kirche. In der malerischen Umgebung, an einem Berghang gelegen, beeindruckt die Klosteranlage schon von weitem. Eingefasst von einer mächtigen Wehrmauer aus Bruchsteinen verbirgt sich im Innenhof ein armenische Kirche mit schönen Reiterbildern und Ornamenten an der Außenfassade. Wir streifen zu Dritt durch die Anlage und ruhen uns anschließend im Schatten alter Bäume aus.

Am Abend sind wir zu Gast bei Sarah, Sinar, Hamide und Mohammed. Der Kontakt hatte sich spontan am Abend zuvor ergeben. Kaum schließt sich die Tür des Hauses fliegen die Kopftücher von den Köpfen. Das ist das zweite was uns auffällt: der deutliche Unterschied zwischen öffentlicher und private Sphäre. In der Öffentlichkeit – und das meint im Iran außerhalb der eigenen 4 Wände – gilt die Kopftuchpflicht. Innerhalb der eigenen Wohnung ist man jedoch frei. Ausgelassen und ungezwungen sprechen wir über alles, was uns interessiert und bewegt und essen gemeinsam im Innenhof Abendbrot. Als Vorspeise gibt es orientalisch schmeckende Suppe mit Graupen und getrockneten süßen Beeren. Anschließend essen wir gekochten Reis (polo) mit Bohnen und zartem Schaffleisch in einer Fleischsoße (khoresht). Dazu gibt es eine minzeartige Limonade und selbstgemachten Kirschsaft, jede Menge frisches Obst und Tee. Die wenigen Stunden vergehen wie im Flug. Zu gerne würde uns die Familie über Nacht bei sich behalten. Da wir jedoch unseren Ausflug nach Teheran vorbereiten wollen müssen wir leider ablehnen. Herzlich verabschieden wir uns voneinander.

Den heutigen Tag haben wir mit Vorbereitungen, Ticket kaufen und Ruhen verbracht. In gut 2 Stunden besteigen wir den Nachtbus nach Teheran. Knapp 800 km sind es in die Hauptstadt Irans. Dort bekommen wir hoffentlich problemlos unser Visum für Turkmenistan. Unsere Räder und unser Gepäck lassen wir solange bei Eslam in Marand. Nach unserer Rückkehr geht es weiter Richtung Kaspisches Meer.